Was erzählt eine Kanne über eine längst vergangene Kultur? Wer baute die Mauern, deren Reste auf dem Kelheimer Michelsberg zu entdecken sind? Antworten auf diese Fragen gibt es in Kelheim. Dr. Bernd Sorcan, der Leiter des Archäologischen Museums der Stadt, und sein Team lassen hier die Vergangenheit lebendig werden.
Schon kurz nach Sonnenaufgang macht sich ein Trupp in Schafwollmäntel gehüllter Männer mit Äxten und Sägen auf den Weg durch den nasskalten Novembernebel hinauf auf den Berg. Dort angekommen, fangen sie an, eine der riesigen Buchen zu fällen. Mehr als eine Stunde schlagen sie den Fällkerb, sägen schließlich den Baum um, der mit einem Ächzen, Knirschen und Reißen und mit dumpfem Schlag zu Boden fällt. Flink machen sich die Männer ans Werk: sie zerteilen den Stamm, trennen die Äste ab und spalten die Scheiter. Alsdann nehmen sie sich den nächsten alten Baumriesen vor.
Ein anderer Trupp türmt Holz aus dem letzten Jahr geschickt zu einem fast 3 Meter hohen Kegel auf, der mit Erde und Laub ummantelt wird. Nach etlichen Tagen kunstvollen Bauens zünden die Männer den errichteten Kohlenmeiler an. Tag und Nacht bewachen sie den Meiler, damit das Holz richtig verschwelt. Nach der zweiten Woche erscheinen der weise Mann und sein kriegerisches Gefolge auf dem Berg. Gestreng überwachen sie die Arbeiten. Denn die Holzkohle muss genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Meiler geholt werden, damit sie nicht verbrennt und die Erzschmelzer sie in den zahllosen Verhüttungsöfen neben den ebenso zahllosen Schürfgruben auf dem Berg verfeuern können. Prüfend stochert einer der reichen Krieger mit seiner großen Lanze in der frischen Kohle herum. Ein klirrendes Geräusch zeugt von ihrer hohen Qualität. Das damit geschmolzene Erz wird recht reines Eisen bringen und verspricht ihm guten Profit.
Zufrieden ziehen die hohen Herren wieder davon ins Tal. In der Stadt treffen sie auf Händler, die eben mit dem Boot über den Danuvius gekommen sind und teure und exotische Güter mit sich führen: Wein, edles Glas und eine wunderschöne Bronzekanne mit einem Göttergesicht. Der reiche Krieger mit der großen Lanze ist begeistert und kauft für eine Gold- und etliche Silbermünzen das rötlich-golden schimmernde Gefäß. Fortan ziert sie seine Tafel, wenn er Freunde und Gäste zum Symposion, dem Gelage, empfängt oder mit Händlern neue Geschäfte macht. Und dereinst wird sie ihm vielleicht in sein Grab gegeben – zusammen mit seinen Waffen, die seinen hohen Stand bezeugen.
Vom Michelsberg ins Museum
Diese Szenen könnten sich so – nach dem Stand der Forschung – vor über 2000 Jahren zugetragen haben. „Sie sind aus der Quellenlage und den archäologischen Fakten rekonstruiert", erklärt Dr. Bernd Sorcan. Die Namen der Menschen, ob der des Kriegers mit der „Kelheimer Kanne“ oder die der Köhler, Bergleute oder Händler, sind nicht überliefert, aber Alcmona, die Göttin des Flusses, hat der keltischen Stadt ihren Namen gegeben: Alkimoennis.
Beeindruckend sind heute noch die Ruinen der Mauern und Tore auf dem Michelsberg, dort, wo die Befreiungshalle thront und sich im Nationalen Naturmonument Weltenburger Enge eine ganz besondere Naturvielfalt zeigt. Schwarzspechte, Mausohrfledermäuse und Uhus sind längst in der einstigen keltischen „Industriebrache“ heimisch.
Aber nicht nur die Überreste der Stadt haben sich seit rund 2000 Jahre erhalten. Auch die Lanze und die Kanne des Kriegers haben die Zeiten überdauert – zu sehen sind sie heute im Archäologischen Museum in Kelheim. Dieses hütet noch weitere ganz besondere Schätze, nicht nur aus der Zeit der Kelten. „Aber wir wollen mehr als ein Museum sein", betont Sorcan. „Wir gehen mit den Leuten raus.“ Führungen und Veranstaltungen gehören zum Angebot und werden zu spannenden „Zeitreisen“.
Eine geschichtsträchtige Gegend
Dabei begegnen die Teilnehmenden nicht nur den Kelten. „Kelheim“, weiß der Museumsleiter, „ist eine der geschichtsträchtigsten Städte der Region. Bereits die Neandertaler hinterließen in den umliegenden zahlreichen Höhlen ihre Spuren und auch der frühe Homo Sapiens – unsere eigene Art – tauchte schon vor rund 50 000 Jahren hier auf.“ Ein Grund dafür war sicher die günstige Lage am Zusammenfluss von Donau und Altmühl. „Die Menschen kamen hierher, um zu jagen und zu fischen, zu sammeln, Felder anzulegen oder das Vieh zu hüten. Um Bronze, Bernstein und Salz zu handeln oder Rohstoffe wie Eisen oder Holz zu gewinnen. Sie lebten und arbeiteten hier, sie feierten, opferten ihren Göttern und wurden nach ihrem Tod hier begraben", erzählt der Experte. „Viele dieser Geschichten und eine lückenlose Zusammenschau der Vorzeit von den Frühmenschen der letzten Eiszeit bis zu den Bajuwaren und der Geschichte der Stadt lassen sich in unserem vom Europarat preisgekrönten Museum erfahren.“
Außerdem ist das Museum Startpunkt für die Ausflüge und Wanderungen in den Archäologiepark Altmühltal und zu weiteren vorgeschichtlichen Denkmälern, ob auf eigene Faust, geführt oder mit einem der spannenden Actionbounds, die historische Erkundungen zur abwechslungsreichen Schnitzeljagd und Rätseltour machen.